Was bedeutet die Übernahme von Akkim durch Sika?
Warum übernimmt ein Unternehmen ein anderes Unternehmen?
Auf den ersten Blick scheint die Antwort recht einfach zu sein: Produktionskapazitäten erhöhen, Zugang zu neuen Produkten erhalten, Marktanteile ausbauen oder neue Kunden gewinnen. In Branchen wie Klebstoffen und anderen Bauchemikalien jedoch, in denen technisches Know-how, Logistik und Vertriebsnetzwerke mindestens ebenso wichtig sind wie die Produktion, wird die Strategie hinter Übernahmen inzwischen in einem wesentlich breiteren Rahmen betrachtet.
Als wir von der abgeschlossenen Übernahme des türkischen Unternehmens Akkim durch Sika erfahren haben, waren wir der Ansicht, dass diese Entwicklung nicht lediglich als eine Übernahme zwischen zwei Unternehmen betrachtet werden sollte. Besonders bemerkenswert ist, dass ein globaler Hersteller von Bauchemikalien gleichzeitig die Produktionsinfrastruktur, das Produktportfolio, das Vertriebsnetzwerk und den regionalen Marktzugang in der Türkei als strategische Werte betrachtet.
Wie Sie wissen, hatte Sika die Vereinbarung zur Übernahme von Akkim im Februar 2026 bekannt gegeben. Das Unternehmen teilte mit, dass Akkim im Jahr 2025 einen Umsatz von rund 220 Millionen Schweizer Franken erzielt habe, über ein starkes Vertriebsnetz verfüge und insbesondere Zugang zu Märkten in Osteuropa, Zentralasien, dem Nahen Osten und Nordafrika biete. Mit dem Abschluss der Übernahme ist Akkim nun Teil der globalen Organisation von Sika. Sika weist zudem auf das Potenzial der Produktionsstätten in der Türkei hin, als regionale Produktions- und Exportzentren zu fungieren.
An diesem Punkt lohnt es sich, etwas Abstand von der Nachricht selbst zu nehmen und das größere Bild zu betrachten.
Denn das Interesse von Sika an Akkim zeigt tatsächlich auch den Wandel des Wettbewerbsverständnisses in der Bauchemiebranche.
Heute reicht es für einen Hersteller nicht mehr aus, lediglich ein gutes Produkt herzustellen. Ebenso wichtig wie die Produktionskapazität ist inzwischen, welche Märkte das Produkt erreicht, mit welchen Vertriebspartnern in diesen Märkten zusammengearbeitet wird, wie schnell es geliefert werden kann, ob es die technischen Anforderungen erfüllt und wie es gemeinsam mit verschiedenen Produktgruppen positioniert werden kann.
Mit anderen Worten: Es werden nicht mehr nur Fabriken erworben.
Auch der Marktzugang wird erworben.
Diese Perspektive ist wichtig, um den Wert von Akkim für Sika zu verstehen. Das Portfolio von Akkim, das Klebstoffe, Dichtstoffe, Silikone, Polyurethanschäume und ähnliche Produkte umfasst, stellt selbstverständlich bereits für sich genommen einen wichtigen Wert dar. Darüber hinaus stärken jedoch auch die Kundenbeziehungen, Vertriebskanäle, Exporterfahrung und die in der Türkei ansässige Produktionsinfrastruktur von Akkim die strategische Dimension der Übernahme.
In den Erklärungen von Sika gehören auch die Erweiterung des Kundenzugangs über das Vertriebsnetz von Akkim und die Entwicklung von Cross-Selling-Möglichkeiten bei ergänzenden Produkten zu den hervorgehobenen Aspekten. Dieser Ansatz zeigt, dass globale Bauchemieunternehmen ihr Wachstum nicht mehr ausschließlich durch den Bau neuer Fabriken anstreben, sondern auch durch die Integration in bestehende kommerzielle Ökosysteme.
Warum ist die Türkei in diesem Zusammenhang wichtig?
Ein wesentlicher Teil der Antwort liegt tatsächlich auf der Landkarte.
Die Türkei verfügt aufgrund ihrer Lage zwischen Europa und Asien über eine besonders wichtige Position für den Zugang zu den Märkten auf dem Balkan, in Osteuropa, im Kaukasus, in Zentralasien, im Nahen Osten und in Nordafrika. In Verbindung mit Produktionskapazitäten und einer gut entwickelten Logistikinfrastruktur kann dieser geografische Vorteil dazu beitragen, die Türkei von einem Produktionsstandort, der ausschließlich den heimischen Markt bedient, zu einem regionalen Versorgungszentrum zu entwickeln.
Auch die bestehende Exportstruktur von Akkim ist ein konkretes Beispiel für dieses Potenzial. Das über verschiedene Regionen verteilte Exportnetzwerk des Unternehmens zeigt bereits, dass Bauchemikalien von der Türkei aus in die umliegenden Märkte geliefert werden können.
Dass Sika diese Struktur mit seinem eigenen globalen Netzwerk verbindet, ist daher auch im Hinblick auf die regionale Rolle der Türkei besonders bemerkenswert.
Hier stellt sich möglicherweise die wichtigste Frage für die kommenden Jahre:
Wird die Türkei im Bereich der Bauchemikalien lediglich ein großer Absatzmarkt bleiben, oder wird sie sich zu einem regionalen Produktions- und Distributionszentrum entwickeln, das die umliegenden Märkte mit Produkten versorgt?
Die Antwort auf diese Frage kann nicht allein durch die Transaktion zwischen Sika und Akkim gegeben werden. Die Übernahme kann jedoch als starkes Signal für eine solche Entwicklung interpretiert werden. Denn im internationalen Handel mit Bauchemikalien gewinnt nicht nur der Ort, an dem ein Produkt hergestellt wird, an Bedeutung, sondern auch die Art und Weise, wie das Produkt den Markt erreicht.
Der Export eines Produkts in ein anderes Land bedeutet nicht lediglich, einen Container zu beladen und eine Lieferung zu versenden. Technische Dokumentation, Zertifizierung, lokale Vorschriften, Produktstandards, Lagerbedingungen, Lieferzeiten, Bestandsmanagement, Logistikkosten und technischer Kundendienst nach dem Verkauf sind alles Bestandteile des gesamten Prozesses.
Daher wird der Wettbewerbsvorteil der Zukunft nicht allein in der Produktionsstätte entstehen, sondern in der gesamten Lieferkette.
Dies ist insbesondere für Außenhandelsunternehmen und Distributoren von Bedeutung.
Auf den ersten Blick kann die weitere Stärkung eines globalen Herstellers eine zunehmende Konkurrenz für unabhängige Distributoren bedeuten. Unternehmen mit breiteren Produktportfolios, größeren Produktionskapazitäten und stärkeren globalen Marken werden naturgemäß einen größeren Einfluss auf den Markt haben.
Auf der anderen Seite bringt diese Entwicklung auch neue Chancen mit sich. Denn mit dem Wachstum der Hersteller werden auch die Bedürfnisse der Kunden und die Geschäftsmodelle in den verschiedenen Märkten vielfältiger. Nicht jeder Hersteller kann jedes Land direkt erreichen, und ebenso wenig kann von jedem Hersteller erwartet werden, die technischen und kommerziellen Dynamiken jedes einzelnen Marktes in gleichem Maße zu kennen.
Genau hier verändert sich die Rolle der Außenhandelsunternehmen.
In der Vergangenheit bestand die grundlegende Aufgabe eines Distributors häufig darin, Produkte vom Hersteller zu kaufen, zu lagern und an Kunden weiterzuliefern. Heute erfordert die Bauchemie jedoch ein weit umfassenderes Maß an Fachwissen.
Zu wissen, welches Produkt welches Herstellers in welchem Markt auf Nachfrage stoßen wird, technische Anforderungen zu verfolgen, die richtige Produktgruppe mit dem richtigen Kunden zusammenzubringen, Logistikkosten zu steuern, alternative Bezugsquellen aufzubauen und bei Bedarf eine technische und kommerzielle Brücke zwischen Hersteller und Endanwender zu bilden, wird zunehmend wichtiger.
Aus diesem Grund sollte der zukünftige Wert eines Distributors nicht allein am Verkaufsvolumen gemessen werden.
Den Markt zu kennen, das richtige Produkt auszuwählen und die Lieferkette zu managen, sind ebenfalls eigenständige Wettbewerbsvorteile.
Das Beispiel Sika–Akkim zeigt auch eine weitere Dimension dieses Wandels: Produkte werden nicht mehr nur einzeln, sondern zunehmend als sich ergänzende Lösungen angeboten.
Ein Kunde benötigt möglicherweise nicht nur einen Klebstoff, sondern auch ergänzende Produkte für Abdichtung, Oberflächenvorbereitung, Isolierung, Reparatur oder andere Anwendungen. In diesem Zusammenhang kann die Verwaltung eines breiten Produktportfolios einen erheblichen Vorteil darstellen.
Aus diesem Grund ist zu erwarten, dass das Konzept „Lösungen anbieten“ statt lediglich „Produkte verkaufen“ im zukünftigen Handel mit Bauchemikalien zunehmend an Bedeutung gewinnen wird.
Diese Entwicklung vermittelt auch den Außenhandelsunternehmen eine wichtige Botschaft. Die Nachhaltigkeit eines Geschäftsmodells, das ausschließlich auf dem Preis basiert, wird zunehmend schwieriger. Der Preis wird selbstverständlich weiterhin wichtig bleiben. Faktoren wie technische Eignung, zuverlässige Versorgung, Lieferperformance, Zertifizierung, kontinuierliche Lagerverfügbarkeit und Kundendienst nach dem Verkauf werden jedoch bei den Kaufentscheidungen der Kunden zunehmend an Gewicht gewinnen.
Daher lautet die Frage, die über den zukünftigen Erfolg von Außenhandelsunternehmen entscheiden könnte, vielleicht nicht:
„Wer bietet den günstigsten Preis?“
Sondern:
„Wer kann die Bedürfnisse des Kunden am besten lösen?“
Die Investition von Sika in Akkim liefert aus dieser Perspektive ein wichtiges Beispiel für die zukünftige Entwicklung der Branche. Produktionskapazität, Produktportfolio, Vertriebsnetzwerk und regionaler Marktzugang werden zu Bestandteilen ein und derselben Strategie. Dies deutet auf eine neue Phase hin, in der Unternehmen in der Bauchemie nicht nur anhand ihrer Produktionsstärke, sondern auch anhand des Ökosystems bewertet werden, das sie aufgebaut haben.
Welche Auswirkungen die Übernahme von Akkim durch Sika in der kommenden Zeit haben wird, wird die Zeit zeigen. Doch schon heute zeichnet sich eine Realität ab:
Die Definition von Wettbewerb in der Bauchemiebranche verändert sich.
Es reicht nicht mehr aus zu fragen, wer mehr produziert oder wer den günstigeren Preis anbietet.
Wer kann breitere Märkte erreichen? Wer kann eine zuverlässigere Versorgung gewährleisten? Wer kann unterschiedliche Produkte zu einer einzigen Lösung verbinden? Wer kann die technischen und kommerziellen Anforderungen verschiedener Länder managen?
Der Wettbewerb der kommenden Zeit wird sich zunehmend um diese Fragen herum entwickeln.
Die Übernahme von Akkim durch Sika zeigt daher, dass es sich nicht nur um eine Unternehmensnachricht handelt, sondern auch um ein wichtiges Signal für die Zukunft von Produktion, Außenhandel und Distribution in der Bauchemiebranche.
Und vielleicht lautet die wichtigste Frage für die Türkei:
Wird die Türkei ein Land bleiben, das lediglich Bauchemieprodukte exportiert, oder wird sie zu einem Zentrum werden, das regionale Lieferketten steuern kann?
Die Antwort wird nicht nur von den Investitionen der kommenden Jahre abhängen, sondern auch davon, wie schnell Hersteller, Distributoren und Außenhandelsunternehmen sich an dieses sich wandelnde neue Handelsumfeld anpassen.
Wir gratulieren Sika und Akkim zu diesem wichtigen Schritt und hoffen, dass diese strategische Verbindung zu neuen Kooperationen, Investitionen und Chancen für die Türkei und unsere Bauchemiebranche beitragen wird.
Quellen
Sika AG – Sika to acquire Akkim: Marking a major step in accelerating global expansion in adhesives and sealants — 13. Februar 2026.
Sika AG – Sika closes acquisition of Akkim — 3. September 2026.
Sika AG – Why invest in Sika? / Strategy 2028
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